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Kolumne - Karla Sommer/Dani Odesser

Gegenwind

Ein Mann kann in Deutschland derzeit bis zu drei Jahre Elternzeit nehmen. Der Anteil der Väter in Elternzeit war im Jahr 2022 fast doppelt so hoch wie 2012. Es ändert sich also etwas. Trotzdem ist es meist die fröhlich lächelnde Mutter, die in der Fahrradwerbung das Kind und die Einkäufe im Anhänger durch die Gegend pedaliert, während der Papa...

... mit seinem Cargobike einen Kasten Bier zum BBQ bringt oder das Sportequipment transportiert. Oder deutlicher formuliert: Warum replizieren Fahrradmarken immer noch so häufig stereotype Rollenbilder, die gerade in urbanen Cargobike-Hotspots längst überholt sind?
Das könnte womöglich einfach an Marketingabteilungen liegen, die diese Rollenverteilung nicht hinterfragen. Es könnte, gerade in den deutschsprachigen Ländern, aber auch einfach ein Spiegelbild des – nennen wir es liebevoll – gesellschaftlichen Entwicklungspotenzials sein. Ein Blick auf das Bild- und Werbematerial von Firmen aus Skandinavien, wo Gleichberechtigung kulturell und strukturell wesentlich intensiver gelebt wird, lässt dies vermuten. Fairerweise lassen sich bei Urban- und Cargo-Marken langsam auch bei uns Fortschritte feststellen – ganz im Gegensatz zum Performance-Bereich.
Dort haben wir zwei Standardszenarien: Muskelbepackte Männer, die auf ihren Dropbar-Boliden oder V8-Fullies Testosteron versprühen, oder überwiegend junge, überschlanke Frauen Anfang zwanzig, die gerne hinterherfahren. Diesbezüglich hätten wir zwei Verständnisfragen: Welche Zweiundzwanzigjährige kann sich ein 8000-Euro-Rennrad leisten? Welche ernst zu nehmende Profiradsportlerin, die bolidentauglich fährt, hat Kleidergröße 32 und einen Oberschenkelumfang von 20 Zentimetern? In der Fashion-Branche sagt man, Damenmode würde für androgyne Männer gemacht. Analog dazu könnte man meinen, dass Fahrradwerbung, die Frauen zeigt, eigentlich zur »Unterhaltung« von Männern produziert wird.
Dabei gibt es Studien, die deutlich zeigen, dass Identifikation und Partizipation untrennbar miteinander verknüpft sind. Visuelle Repräsentation kann sowohl die gesellschaftliche Repräsentation als auch die Wahrnehmung gesellschaftlicher Gruppen beeinflussen. Stereotype können also visuell verstärkt oder aufgebrochen werden. Wer ernsthaft bemüht ist, in seinem Unternehmen eine inklusive Kultur zu leben und ein Klima der Veränderung zu schaffen, kann dazu beitragen. Wer darin keinen Sinn sieht, setzt vielleicht trotzdem mal testweise die sportliche, siebenundvierzigjährige Powerfrau mit geschlossenem Trikot auf die Rennmaschine – selbst wenn ihre Haare schon leicht grau sind. Sie ist es nämlich, die das nötige Einkommen hat, um dieses High-End-Bike auch zu kaufen.

Karla Sommer von Velokin und Dani Odesser von Dani O. Communication bringen gemeinsam mehr als 30 Jahre Berufserfahrung in der Branche mit.

Gestern um 05:56 von Karla Sommer und Dani Odesser
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