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Foto: Georg Bleicher - Impressionen von der Rad Essen
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Unterwegs auf der Fahrrad Essen

Schnäppchen-Markt versus Beratungsidylle

Sie ist eine reine Endverbrauchermesse und gilt für manchen als Stimmungsbarometer der kommenden Saison. Wir waren auf der Fahrrad Essen 2025 und konnten feststellen, (...)

Foto: Georg BleicherFoto: Georg Bleicher - Impressionen von der Rad Essen

(...) dass dieses Barometer leider schwer zu deuten ist.

Die Messe hat gegenüber manch anderer Verbrauchermesse den Vorteil, gleichzeitig mit der deutlich größeren „Reise und Camping“ Essen stattzufinden. Mit dem Eintrittsticket sind beide Messen abgedeckt. Die Besucherzahlen für das Messe-Paket lagen daher auch dieses Jahr mit „etwa 80.000“ (2024: 85.000) recht hoch, besonders wenn man einbezieht, dass am Messefreitag im Öffentlichen Nahverkehr von NRW gestreikt wurde, sodass die Besucherzahl etwas geringer eingeschätzt wurde. Andererseits liegt der Fokus eines großen Teils der Besucher eher nicht auf Fahrrad oder E-Bike sondern auf Reisen. Die Fahrrad Essen ist für manchen Caravan-Interessierten eine „Messe zum Mitnehmen“. Aber ist das tragisch?

Wenige Rad-Hersteller, viele große Händler

Schon am Donnerstagmorgen drängten sich kurz nach Öffnung überraschend viele Menschen an den Ständen der Fahrrad-Hallen 4 und 5. Auf den ersten Blick beherrschten vor allem die klassischen Stände der Händler und Händlergruppen wie Stadler oder Little John, Lucky Bike, Planet of Bikes und E-motion die Flächen. Nur sehr wenige Bike-Hersteller waren dagegen mit eigenem Stand und eigenem Personal vor Ort. Rose etwa hatte einen großes Areal gemietet. „Fast konkurrenzlos“ sei man hier, so Alex Espinosa von den Bocholtern. „Ein Stimmungsbarometer für die Saison ist das für uns nicht, aber eine immer recht erfolgreiche Veranstaltung“. Das Publikum war kalendarisch zweigeteilt. Donnerstag, Freitag die klassischen E-Bike-Interessenten mit einem Altersschnitt von 60 plus, am Wochenende werden vor allem von Jüngeren eher sportliche Räder auf den Teststrecken Probe gefahren.

Angetan ist Sonntagmittag auch Michael Berkel von AT Cycles, den Fachgeschäften der Marke Velo de Ville. „Die Leute haben heute keinen Bock auf billig mehr und wollen lieber individuelle Räder als etwas von der Stange. Sie verstehen auch hier, dass Qualität kostet.“ Grundsätzlich sieht er nach dieser Messe optimistisch in die Zukunft.

Rabatte ohne Reue

Aber natürlich gibt es die Schnäppchenjäger, und die Händler sind unter anderem auch deshalb hier. Das zeigen die eng stehenden Räder an den Ständen der großen Händler mit ihren leuchtenden Rabatt-Schildern am Lenker und die großen Banner an den Standgerüsten. Sie versprachen unter anderem „mindestens 500 Euro Rabatt auf jedes Rad“. Dieser stieg aber bei teureren Rädern schon mal auf 3.000 Euro. „Unsere Erwartungen wurden übertroffen“, sagt denn auch der Kollege am Little John Bikes-Stand. „Die Kunden sind aufgeschlossen, lassen sich Neuigkeiten zeigen, fragen auch nach speziellen Details wie Riemenantrieben. Die Verkäufe sind gut, aber für die Marke ist die Messe noch besser.“

Besonders im Blick scheinen momentan Helme zu sein. Der Abus-Stand war durchgängig gut besucht . Hier gab es etwas Messerabatt und die Fachberatung inklusive. Abus-eigene Leute wie Personal vom Fachhändler wie Pascal Huppertz waren Sonntagmittag angetan vom Erfolg der vier Tage. Beratung und Kaufangebote fand man auch am herstellereigenen Stand von Humpert, dort schätzte Hanna Schäfers nicht nur die Fragen der beratungshungrigen und kaufwilligen Kunden. „Die Leute sind auch nett hier – vielleicht liegts am Ruhrpott?“

Dass die Besucher und Besucherinnen oft gut informiert nach Essen kamen, fand Eckehart Bahr, Gründer und Leiter von Velorian, einem Entwickler von Blinkern fürs Fahrrad. „Die Leute wissen teils, dass Blinker seit der neuen StVZO 2024 erlaubt sind und fragen gezielt nach, weil sie sich mehr Sicherheit auf dem E-Bike wünschen.“ Bahr nutzt die Fahrrad Essen zur Steigerung der Bekanntheit, kann aber auch an sein Händlernetz Montage-Aufträge weiterleiten. Der einzige Kettenhersteller Deutschlands, Wippermann, nahm sich des Themas Kettewachsen an und stellte einen Service-Sprinter mit einigen Fachkollegen auf die Messe. Die Beratung der Traditionsfirma, die sich mit der neuen Kettenpflege auch einen verjüngten Auftritt zulegt, wurde vor allem am Wochenende gut angenommen, so Marcel Stiens vom Unternehmen.

Es lebe das SUV und das Gravelbike

Während an Donnerstag und Freitag vor allem die etwas ältere Generation nach SUVs und City-Bikes fragte, war am Wochenende das Publikum jünger und gemischter, hatte Gravelbikes oder auch ein E-MTB im Blick. Tourismus-Ämter und Reiseanbieter kamen in den Genuss von Synergien, liegt ihr Angebot doch in der Schnittmenge der beiden Besuchergruppen. Insgesamt meldete die Messe Essen für den Fahrrad-Bereich „um 200 Aussteller und Marken“, wobei diese Ausstellerzahl deutlich unter der Zahl der tatsächlichen Stände in den beiden Hallen gelegen haben dürfte. Die Fahrradhallen waren nicht voll belegt. Mit großen Teststrecken und vielen Launch- und Sitzgruppen gelang es aber, sie durchgehend zu gestalten. Einen durchkomponierten Lifestyle-Auftritt erwartet niemand von einer Verbrauchermesse; die vereinzelten Stände der Zubehör- und Komponentenhersteller mit ihrer stringenten Marken-CI stachen allerdings angenehm hervor.

Besucher: Camping und Rad gehen gut zusammen

„Wir sind eigentlich wegen der Camping-Ausstellung hier“, erzählt eine Frau aus Dortmund, „aber wir wollen uns auch über E-Bikes informieren. Von vorigen Besuchen wissen wir, dass das Angebot hier groß ist.“ Doch die Messegäste kommen nicht nur aus dem großen Einzugsgebiet Ruhr. Ein Paar in den 60ern kommt eigens aus dem Schwarzwald, um sich hier E-MTBs für den nächsten Urlaub zu kaufen. Sie loben die Angebote, dem Ehemann fehlt aber die Ordnung und Verbraucherfreundlichkeit. Als Händlermesse sind die Räder nicht nach Herstellern geordnet auffindbar. „Außerdem fehlt mir hier die Innovation. Die Möglichkeit zum Testen ist aber super!“ Im Großen und Ganzen sei man zufrieden.

Versteckte Neuigkeiten

Wer sucht, der findet aber auch hier Neues: Patrick Wolff stellt den Carryfant, einen Edel-Fahrradanhäger aus hochwertigem Holz vor. 38 Kilogramm Zuladung und 1,30 Meter Ladelänge sind eine Ansage, auch an manches Lastenrad. Allerding sei für dieses spezielle, hochpreisige Produkt (rund 3.000 Euro) das allgemeine Publikum vielleicht doch zu wenig nerdig. Wolff kann aber viele Besucher-Nachfragen für seine weitere Entwicklung nutzen. So will er den Carryfant nicht nur verkaufen, sondern auch verleihen und statt der fünf Farben individuelle Farbwünsche berücksichtigen – Sinnvoll für ein Highend-Produkt dieser Preisklasse.

Neu ist auch das E-Bike B25 von Steereon. Die Kölner Scooter-Produzenten haben sich ans Pedelec gewagt und wollen damit die Kompakt- und Falt-E-Bike-Szene aufmischen, wie Gründer Maximilian Camp erklärt. Ungewöhnlich ist dabei neben den unterschiedlichen Radgrößen vorn (20 Zoll) und hinten (16 Zoll) auch der Faltmechanismus. Das Hinterrad lässt einfach um die Längsachse drehen und verkürzt so das gefaltete Paket. Im Hinterrad schiebt ein Bafang-Motor mit Zweigang-Automatik mit.

„Stimmungsbarometer“ leider ohne Skala

Ja, das Publikum ist interessiert. Sicher auch nicht nur an günstigen Preisen. Selbst auf der reinen Endverbrauchermesse Fahrrad Essen ist ein Teil der Besucher und Besucherinnen gut vorinformiert und sehr farradaffin und will technische Highlights sehen. Daraus lässt sich aber leider nicht ableiten, dass es in der E-Bike-Wirtschaft diese Saison ganz allgemein wieder aufwärts geht. Sicher hilft eine Messe wie Fahrrad Essen Händlern, Überkapazitäten abzubauen. Ob die Verbraucher und Verbraucherinnen die neue, dann hochpreisige Ware dankend annehmen, ist aus der guten Stimmung auf der Messe und dem freundlich gesinnten Publikum zu wenig herauszulesen. Es muss reichen, dass viele mit einer für sie erfolgreichen Messe in die Saison gestartet sind.

Heute um 07:49 von Georg Bleicher
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