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Markt - Kinderräder

Was macht der Nachwuchs?

Wie ist die Lage auf dem Markt der Kinderbikes mit und ohne »E-« vorne dran? Hängen sie genauso in der Warteschleife wie die Großen oder gibt der Markt ihnen eine Sonderbehandlung?

Die Bikes für die Kleinen waren noch nie das liebste Thema des Händlers. Oft aufwendig, oft zu wenig Erträge. Doch in den letzten 10 bis 15 Jahren sind viele Hersteller hinzugekommen, die das Segment belebt haben, gerade solche, die ausschließlich in dieser Sparte aktiv sind. Außerdem hat auch hier der E-Antrieb Einzug gehalten, wenn auch mit einigem Für und Wider. Das E-Kinderrad gehört inzwischen dennoch zur Breite des Angebots, das die Hersteller mittlerweile abdecken. Der Gebrauchtmarkt dagegen ist in den letzten Jahren stark gewachsen.

Gebrauchte schmälern den Verkaufserfolg

Tatsächlich »sind nach der Corona-Zeit viele Gebraucht-Kinderräder auf dem Markt, die den Neuverkauf behindern«, so Stefan Vogel, Geschäftsführer von Kaniabikes, die seit 2009 auf dem Markt sind und mit der Eigenmarke Kania vor allem auf Leichtgewicht setzen. Ansonsten vertreibt er noch Räder anderer Marken, die er teils »gewichtstuned« als eine Art Quasi-Serviceleistung.
Corona hat auch hier seine Spuren hinterlassen. »Die Verkäufe 23 und 24 lagen deutlich unter dem Vor-Covid-Niveau«, sagt Vogel, aber der Schnitt der letzten 5 Jahre liegt noch deutlich über dem Niveau von 2015 bis 2019.


E-Bikes für Kinder und Jugendliche sind ein Thema, das an Akzeptanz gewinnt – und vorerst noch in der Nische bleibt.

Kinderräder unterliegen deutlich weniger dem Modellwechsel, »manchmal ändert sich nur die Farbe«, so Vogel. »Teils werden aber Produktpaletten nach oben erweitert, so gibt es Kaniabikes jetzt auch als 29-Zöller.«
Ist der Markt gesättigt? »Ja«, sagt Vogel, »auch hier gibt’s volle Lager. Außerdem machen der Gebrauchtmarkt und verschiedentlich auch stark vergünstigte Ware aus Konkursmassen es vielen Teilnehmern schwer.« Selbst in den Gebrauchtmarkt einzusteigen, sei wegen der geringen möglichen Margen derzeit nicht sinnvoll. Die Zukunft? »Ich denke, im Kinderbereich entwickelt es sich wieder mehr zum Alltagsrad hin. Der Trend zum leichten Rad ohne alles geht zurück. Und die Eltern schrauben selbst mehr, rüsten auch mal gebraucht gekaufte Bikes um, um sie leichter zu machen.« Ein Großteil der Räder wird online verkauft, Probefahren kann man bei Partnern in der Region.

Mit Unterstützung, ohne Wertverlust

Geringes Gewicht ist auch der USP beim Kinder-E-Bike-Hersteller Ben-E-Bike. »Das E-Bike mit 20 Zoll fängt bei 10 Kilo an«, sagt Alexander Österle, Managing Director des seit 10 Jahren bestehenden Unternehmens. 2024 wurden 1000 Räder in Rottweil produziert – »trotz der schlechten Rahmenbedingungen«, erklärt Österle mit Verweis auf die allgemeine Krise. Kein Wunder, »auf Messen sind wir immer die Einzigen mit E-Bikes für Kids.« Dabei seien die Preise der Ben-E-Bikes in den letzten Jahren sehr stabil geblieben. »Wir wollen nicht übers Ziel hinausschießen«, sagt er und verweist auf 1800 Euro, die ein Kinderbike mit Nabenmotor und 250 Amperestunden Akkukapazität kostet.

»Ich denke, im Kinderbereich entwickelt es sich wieder mehr zum Alltagsrad hin. Der Trend zum leichten Rad ohne alles geht zurück.«

Stefan Vogel, Kaniabikes

Größere Akkus seien durch das geringe Gewicht der Fahrer und Fahrerinnen sowie das geringe Fahrradgewicht gar nicht nötig. Für seine Noch-Nische ist der Markt noch lange nicht gesättigt. Vor allem, weil er die größeren Kinder- und Jugendräder auch als Schulrad ansieht. Sie können mit Alltagsausstattung ausgerüstet werden. Gebraucht hätten die Räder zu Corona-Zeiten oft so viel wie neu gekostet. Heute hat Österle 100 Händler in Deutschland und Österreich. Über den Onlineshop wird auch gut verkauft. »Unser Ziel sind aber konstante 70 Prozent über den Händler, 30 online«, erklärt er.

Kinderräder bringen Familien-Stammkunden

Bei der 2013 gegründeten Coolmobility GmbH, einem Unternehmen, das mit S'cool und Academy Bikes zwei Radmarken führt, sieht man das »Kinderrad im Grundsatz eigentlich ziemlich krisensicher«, sagt Jens Wiesenhöfer, der Chief Marketing Officer. Eltern sparten eher bei sich selbst als bei ihren Kindern. Doch »grundlegende Anspannung im Markt und die substanziell erodierenden Prozesse aus ›Vor-Ordern, Produktion, Verkauf‹ stellen auch uns vor Herausforderungen.« Und auch die Händler könnten mehr tun: Sie sähen oft nicht, dass Kinderräder mehr sein können als Umsatzbringer und zugleich eine starke Positionierung in Richtung Familien ermöglichten. Dabei deckt das Unternehmen die volle Breite vom Kleinkind bis hin zum Teenager ab. 2022 hatte Coolmobility sein 500.000. Bike verkauft.

Bei Kinderrädern gibt es deutlich weniger Modellwechsel als in den Erwachsenensegmenten.

Mittlerweile gibt es rückläufige Verkaufszahlen, aber einen zunehmenden Erfolg der hauseigenen Marke Academy, der ausgleicht. Hier ist die Ausrichtung, noch mal leichter und dynamischer zu sein als andere. Bei der Marke gibt es laut Wiesenhöfer seit fünf Jahren jährlich eine Steigerung von 50 bis 70 Prozent im Jahr. Für das laufende Jahr erwartet man etwa Vorjahresniveau, derzeit hilft das EU-Ausland mit, die Zahlen zu halten.
Deutlich mehr Wettbewerb gebe es mittlerweile auf dem Markt, so der Marketingchef. »Kann sein, dass eine Sättigung erreicht ist«, meint er, und die Folgen sieht er ähnlich wie im restlichen Fahrradmarkt. Mehr als an den Gebrauchtmarkt glaubt man bei Coolmobility an »Mieten statt Kaufen«, so Wiesenhöfer. »Wir verfolgen da einen spannenden Ansatz, sind aber auch bereit, uns mit Händlern oder anderen Partnern auszutauschen.« Gute Zeiten sieht man für das E-Kinderrad kommen. Für 2025 wird das Portfolio mit einer Sports-Linie erweitert – einem Angebot vor allem für ältere Kids.

Wachstum in Krisenzeiten

13 Jahre alt ist der Wiener Kinderradhersteller Woom. Aus der Garagenfirma ist in kurzer Zeit einer der wichtigsten Anbieter für Kinder- und Jugendräder geworden. Vor allem die urbane Now-Reihe hat sich als Bike für den Schulweg einen Namen gemacht. »Dank unserer Position im Premium-Segment konnten wir uns dem Abwärtstrend des Markes entziehen und sind 2023 sogar leicht gewachsen«, sagt Belinda Ableitinger, Pressesprecherin bei Woom. 2024 konnte man einen Umsatz von 100 Millionen Euro verbuchen und Marktanteile ausbauen. Von einer Marktsättigung spricht hier niemand, »Kinder wachsen schnell, und Eltern und Großeltern investieren gern in die Bewegung ihrer Kinder«, so die Begründung. Den Gebrauchtmarkt sieht man vor allem als Erschließung einer neuen, weiteren Zielgruppe. Hohe Qualität sichere dem Hersteller einen guten Platz in diesem Markt.

_Die jüngsten Kunden bringen sogar ihre Eltern mit. Damit bietet sich die Chance im Handel, die ganze Familie zu versorgen. _

Für das aktuelle Jahr erwartet man zweistelliges Wachstum außerhalb des Kernmarktes (USA und DACH). Überhaupt sieht man die Zukunft tendenziell rosig. »Der Markt stabilisiert sich, die Nachfrage steigt.« Man setzt auf die »Megatrends Gesundheit und nachhaltige Mobilität.« Individualisierung und personalisierte Räder sind Zauberwörter der nächsten Jahre, glaubt man Ableitinger. »Trotz wirtschaftlicher Herausforderungen haben wir 2024 einen Absatz von einer Million Fahrrädern erzielt«, sagt sie. »Wir setzen verstärkt auf das Segment der Kinder-E-Bikes.« Bislang gibt es in dieser Kategorie das Modell »Up« für knapp 2200 Euro.

Es lebe der Sport!

Ungefähr genauso viel, nämlich 2399 Euro, muss man bei Naloo für das 20-Zoll-Fully ohne Motor hinlegen. Die in der Schweiz gegründete und von Summiteer Distribution GmbH lizenziert in Deutschland vertriebene Marke hat besonders den MTB-Bereich im Fokus. »Echte Viergelenker« sind die Modelle der Mountain-Jack-Reihe, wie Peer Beyendorf, Gründer des Unternehmens klarmacht. Daneben gibt es noch zwei andere Modellreihen (Hardtail, Allrounder), ebenfalls in 20, 24 und 26 Zoll. Grundsätzlich ist Sport für die Marke ein großes Thema. »Bei E-Bikes für Kinder sind wir noch skeptisch«, so Beyendorf, auch wenn er es gut findet, dass manche Hersteller sich an das Thema trauen. Gerade nabelt man sich ab vom Schweizer Gründer Bruno Gross, hat einen eigenen Produktionspartner in Asien und will noch weiter in Sachen emotionale Schiene gehen, was sich stark auf die Marke auswirken werde.

Wenn es in den sportlichen Bereich geht, werden auch für Kinder- und Jugendräder stattliche Summen ausgegeben.

»Die Händler haben noch nicht alle verstanden, dass wir mit dem Kinderrad die ganze Familie in den Laden holen«, so Beyendorf. »Aber es muss emotional gespielt werden«, ist er überzeugt. Und das macht man hier. Seit einem Jahr entsteht mit dem »Kids Team« eine Initiative, die regional Kinder und Jugendliche aufs Rad und zum gemeinsamen Mountainbiken bringt. Sie wird unterstützt von Komponentenherstellern, Händlern und sogar dem Engagement von zahlreichen sportbegeisterten Eltern. Die Verkaufszahlen waren 2024 auf Vor-Corona-Niveau, aktuell gibt es wieder ein stabiles Wachstum. Der »Corona-Peak war bei uns nicht existent, weil wir die Produktion gar nicht so hochfahren konnten, wie die Nachfrage das wollte. Deshalb haben wir hier auch keinen Lagerdruck.« Die Naloo-Modelle laufen mindestens vier Jahre lang, weil man ohne häufigen Wechsel viel mehr Preisstabilität hat, erklärt der CEO. Übrigens ist Beyendorf froh, dass es das klassische Leasing im Kinderbereich nicht gibt, das sorge für weniger Stress durch zurückgenommene Räder. An einen erfolgreichen Leihradmarkt für Kinder glaubt der Naloo-Chef nicht, »das wäre viel zu aufwendig«, meint er. »Der Großteil der Räder wird privat weitergegeben, wenn das Kind zu groß wird. Dafür gibt es bereits ausreichend Plattformen.« Eine große, ausbaubare Chance sieht man beim Unternehmen in Sachen Alltagsrad. »Das kommt erst noch richtig«, so Beyendorf. Dabei geht es um vielfältig einsetzbare Kinderräder mit zusätzlich zur Alltagsausstattung verfügbaren Trägern und Accessoires.

»Die Händler haben noch nicht alle verstanden, dass wir mit dem Kinderrad die ganze Familie in den Laden holen.«

Peer Beyendorf, Naloo

Weg vom Elterntaxi, hin zum Spaß beim Selbstfahren im Alltag. Mit der neuen Ausrichtung ab 2026 verfolgt man große Pläne. Auch das Gewicht des Kinderrads soll in Zukunft nochmals grundsätzlich angegangen werden. Dann wohl sogar mit neuer Rahmentechnologie.

Kleine Räder, kleine Probleme?

Insgesamt liefert der Kinderradmarkt derzeit ein unklares Bild. So werden stellenweise nachwirkende Probleme aus der Corona-Zeit eingeräumt. Für die nahe bis mittlere Zukunft sind die meisten Marktteilnehmer aber zuversichtlich. Das immer breiter werdende und diversifizierte Angebot, das vor Individualisierungen nicht Halt macht, spricht dafür. Der elektrische Antrieb wird auch in diesem Segment, vielleicht als einem der letzten, eine größere Rolle gewinnen. Die gehobene Mittelklasse- und Premium-Qualität sichert die Margen und ist das, was die Kleinen und ihre Eltern heute wollen. //

19. März 2025 von Georg Bleicher

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